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Erschienen in der Zeitschrift Hörakustik 5/2001, S. 8ff

Die Sicht eines erfahrenen HNO -Praktikers: Behandlung der Altersschwerhörigkeit

Nach einem Vortrag beim 25. Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer, 11.-13. Januar 2001, Köln: "Fortschritt und Fortbildung in der Medizin", Thema IV: Die Verbesserung der Lebensqualität als therapeutisches Ziel des Arztes am Beispiel der Schwerhörigkeit und des Tinnitus.

Eingangs erscheint eine nähere Definition des Titels notwendig

1. Schwerhörigkeit im Alter ist eine individuell sehr unterschiedlich früher oder später typische, aber nicht zwingend auftretende altersbegleitende Veränderung; es gibt durchaus auch Hochbetagte mit einem exzellenten Gehör. Die vielfältigen Gründe für die individuell sehr unterschiedliche Ausprägung aller Alterungsprozesse und dabei auch eines Hörverlustes sind hier nicht das Thema. Wir haben vielmehr eine
Schwerhörigkeit im Alter, die sogenannte Altersschwerhörigkeit, als gegeben hinzunehmen, und unser Thema ist, wie wir damit ärztlich umzugehen haben, um den Betroffenen die Verbesserung ihrer Lebensqualität zu gewährleisten, die sie als Patienten von uns erwarten können.

2. Wie das Altern überhaupt, so kann man auch die Altersschwerhörigkeit nicht kausal behandeln: Es kann sich bei der Behandlung somit immer nur um unser Bemühen handeln, die vorhandene Altersschwerhörigkeit so gut wie möglich auszugleichen. Das kann nur geschehen durch eine Versorgung mit Hörhilfen.

3. Somit sind hier ausdrücklich ausgeklammert alle genetischen und/oder früher oder später erworbenen Defekte infolge von Ohrerkrankungen oder -verletzungen.

Wenige Zahlen nur sollen die Größe der Problematik umreißen

In Deutschland werden rund 95 % der Hörgeräte zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abgegeben; diese Versorgung ist straff geregelt in den Heil- und Hilfsmittel-Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des Bundesausschusses der Ärzte und Krankenkassen. Zusätzliche Hinweise geben die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, herausgegeben von der AWMF (Nr. 017/065).

Für die Verordnung von Hörhilfen ist dabei allein zuständig der HNO-Arzt bzw. Facharzt für Phoniatrie und Pädaudiologie, überwiegend in den Praxen, in besonderen Fällen in Kliniken.

Wechselnde Angaben und Auffassungen findet man dagegen bei den Fragen:
• Wie groß ist der Versorgungsbedarf?
• Wie weit ist er gedeckt?

Das "Deutsche Grüne Kreuz" (DGK) hat 1985 die am ehesten handfesten Zahlen, die uns bis heute als Anhalt zur Verfügung stehen, ermittelt mit 9 bis 10 Mio versorgungsbedürftigen Hörgeschädigten in der damaligen BRD, nach der Wiedervereinigung hochgerechnet auf den Bedarf in Gesamtdeutschland mit 11 bis 12 Mio. HörgeräteAkustiker sprechen gern von 14 oder gar 16 Mio, Keller dagegen von nur 3 statt 10 Mio potentieller Hörgeräteträger. Eine aktuelle Studie der "Fördergemeinschaft Gutes Hören" (FGH/Dürr) nennt 11,5 Mio unversorgte Hörbehinderte. Eine andere aktuelle Erhebung (Sohn) kommt auf eine Hörbeeinträchtigung bei 19 % der Bevölkerung (~ 12 Mio) und 2 % Hörgerätebesitzer (~ 1,3 Mio); Schwerhörigkeit findet sich dabei betont im Alter; 85 % aller Hörgerätebesitzer sind älter als 60 Jahre.

Diese Zahlen unterliegen einer gewissen Dynamik. Zum einen nimmt mit schnell steigender Lebenserwartung der Bevölkerung das Gewicht der sogenannten Altersschwerhörigkeit ebenso schnell zu. Zum anderen müssen wir eine Zunahme der Schwerhörigkeit bereits bei jungen Erwachsenen feststellen, vorwiegend als Folge von Freizeitlärm; Zenner schätzt diesen Zuwachs unter gleichbleibenden Bedingungen bis 2030 auf immerhin 9 Mio ein.

Ebenso unsicher zu schätzen ist der erreichte Versorgungsgrad. Die Zahlen der neu abgegebenen Hörgeräte (2/3 HdO- und 1/3 IdO-Geräte) haben sich bei etwas über 500 000 pro Jahr stabilisiert. Ca. 35 bis 65 % (BIHA 35 % regional sehr unterschiedlich bis 60 oder 65 %) davon werden für beidohrige Versorgung verbraucht. Daraus ergibt sich eine Versorgungszahl pro Jahr von allenfalls knapp 300 000 Personen. Nimmt man realistisch die durchschnittliche Gebrauchsdauer der Hörgeräte mit 5 bis 7 Jahren an, so kommt man daraus auf eine Gesamtzahl der Hörgeräteträger von 1,7 bis 2,5 Mio; etwa in Übereinstimmung mit dieser eigenen Schätzung hatte der ZVEI schon für 1993 eine Zahl von 1,8 Mio Hörgeräteträgern in Deutschland errechnet, sie dürfte sich in den letzten Jahren wenig verändert haben.

Es ist wohl keine Frage, dass damit eine quantitativ erhebliche Unterversorgung festgestellt ist

Seit Jahren immer wieder als unbefriedigend betont wird zudem der Zeitpunkt der Erstversorgung auch bei der Altersschwerhörigkeit. Es ist naheliegend, dass eine frühzeitige Versorgung erfolgreicher sein könnte, die erfolgt, bevor der Hörbehinderte im Verlaufe einer in Jahren schleichend zunehmenden Schwerhörigkeit das richtige Hören nach und nach verlernt hat. Und je älter er inzwischen geworden ist, um so schwerer fallen wird es ihm, das richtige Hören mit den Hörgeräten dann wieder zu erlernen, so dass häufig zusätzlich ein gesondertes Kommunikationstraining erforderlich wird.

Abhilfe schaffen könnten hierbei eine allgemein verbesserte Aufklärung der Bevölkerung und eine gesteigerte Aufmerksamkeit der Hausärzte mit frühzeitigen Screening-Untersuchungen bei Verdacht auf Altersschwerhörigkeit. Ist nun aber beim Betroffenen endlich doch der Entschluss herangereift, es mit einer Hörgeräteversorgung einmal zu versuchen, so stellen sich ihm für den beratenden Ohrenarzt vor allem folgende Fragen: Was erwartet der Hörbehinderte von seinen Hörgeräten? Was von diesen Erwartungen ist zu erfüllen - was aber ist heute nicht zu erfüllen und warum nicht?

Der erfahrene Ohrenarzt trennt diese Erwartungen in einerseits diejenigen bei einer Erstversorgung und in andererseits die Erwartungen des routinierten Hörgeräteträgers bei einer Wiederversorgung.

Die Hemmungen des Hörbehinderten, sich erstmals eindeutig zu seiner Behinderung zu bekennen und sich zur Hörgeräteversorgung zu entschließen, sind hinreichend bekannt und unbewältigt. Immer noch hat das Hörgerät, ganz anders als die Brille, das Image der Prothese. Diese Hemmungen überwinden zu helfen, das ist unverändert eine der besonderen Aufgaben des Ohrenarztes; sie verlangt psychologisches Einfühlungsvermögen und den sorgsamen Aufbau eines Vertrauensverhältnisses, dazu eine saubere Diagnostik, aber sie erfordert zugleich auch Kenntnisse des Ohrenarztes über die Möglichkeiten der Hörgeräte, ihrer Technik, ihrer Anpassung und ihrer Probleme.

Die aktuelle Erhebung der Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) zeigt statistisch sehr eindeutig, dass der HNO-Arzt nach wie vor für den Patienten die Instanz darstellt, die über die Notwendigkeit und Richtigkeit einer Hörhilfenversorgung zu beraten und zu entscheiden hat. Der in den Richtlinien vorgegebene Weg über den HNO-Arzt zum Hörgeräte-Akustiker und das arbeitsteilige Zusammenwirken dieser beiden Berufsgruppen im Sinne einer optimalen Versorgung sind unverändert das Normalbild in den Augen des Patienten.

Nur erwähnt seien hier verschiedene daneben bestehende Verfahren des sogenannten "Verkürzten Versorgungsweges", die durch ein Urteil des BGH vom 29.6.2000 zumindest für die klagende Vertriebsfirma mehr oder weniger klar legalisiert worden sind (s. zusammenfassende Darstellung: Deutsches Ärzteblatt 97/48, 1. Dezember 2000, C2448). Eine Diskussion der sehr umfangreichen medizinisch-technischen, rechtlichen und politischen Problematik würde hier den Rahmen sprengen.

Das Interesse des Hörbehinderten kann nur sein, mit möglichst geringen Eigenmitteln und verlässlicher Qualität möglichst gut passend versorgt zu werden

Sein Grundbedürfnis ist recht einfach zu formulieren:
Er möchte mit den Hörgeräten wieder normal hören, "so wie früher", er möchte sich in jeder Umgebung wieder auf sein Gehör ungestört und unbewusst verlassen können. Wer allerdings als Ohrenarzt die uneingeschränkte Realisierung dieser Erwartung verspricht, der wird das Vertrauen des Hörbehinderten schnell wieder verlieren, denn bis heute ist diese Erwartung nicht annähernd vollständig zu erfüllen.

Wesentlicher Einstieg in die Hörgeräteverordnung ist darum, im ausführlichen Beratungs-Gespräch des Ohrenarztes mit dem Schwerhörigen, ihm deutlich und verständlich zu machen, dass eine Versorgung mit Hörgeräten seine Lebensqualität entscheidend verbessern kann, dass aber auch die beste Hörgeräteversorgung kein normales Gehör wiederbringen wird, kurz, dem Schwerhörigen klar zu machen, dass die Hörgeräte ihm einen großen Gewinn und Vorteil bringen werden, dass er aber wird lernen müssen, anders zu hören - und dass er vielleicht auch wird lernen müssen, mit einigen Gebrauchsproblernen umzugehen, die Hörgeräte nun einmal haben.

Anders die Erwartungen bei der Wiederversorgung des erfahrenen Hörgeräteträgers. Hier ist die Erwartung vor allem die, dass entsprechend dem allgemein gewohnten Fortschritt der Technik das Hören mit den neuen Geräten besser sein sollte; er weiß ja, dass das Hören mit Hörgeräten immer nur eine wesentliche Hilfe sein kann, dass kein Normalhören zu erwarten ist: Aber besser sollte es dann bei der Anschaffung neuer Hörgeräte schon sein - und er erwartet auch, dass die Gebrauchsprobleme geringer sein sollen.

Welche Probleme, Bedürfnisse und Erwartungen stehen im Vordergrund?
Oben an stehen finanzielle Probleme, sie sind heute allen GKV-versicherten Hörgeräte-Trägern gemeinsam. Fast jeder Hörgeräteträger oder Hörgeräte-Aspirant in Deutschland weiß heute, dass er ohne Zuzahlung wohl gute und vielleicht auch ausreichende Geräte auf Kosten der Krankenkasse bekommen kann, dass er aber für bessere Hörgeräte einen Teil der Kosten wird selber tragen müssen, oder - anders herum gesehen - dass er auf bessere Hörgeräte wird verzichten müssen, wenn er die Zuzahlung nicht leisten kann oder will. Eine Härtefallregelung gibt es nicht.

Allen anders lautenden Beteuerungen von Gesundheitspolitikern und Krankenkassenvertretern zum Trotz arbeitet hier die deutsche Gesetzliche Krankenversicherung mit einer typischen Zweiklassenversorgung, und die wird der Bevölkerung zunehmend bewusst:

Nur wer zahlen kann und will, der hat auch Zugang zu den besseren Hörgeräten. Dies ist um so mehr unverständlich, als die Gesamtkosten für Hörhilfen gerade einmal 0,2 % der Gesamtausgaben der GKV beanspruchen.

Was nun sind denn bessere Hörgeräte aus der Sicht des Hörbehinderten?

Kosmetik spielt eine gewisse Rolle.

Die Hörgeräte sollen klein, leicht und möglichst unauffällig zu tragen sein, so dass man ihren Gebrauch nach Möglichkeit gar nicht bemerkt, weder der Träger selbst, noch sein Gegenüber. Von der Werbung lange Jahre allzu sehr in den Vordergrund gestellt, spielen kosmetische Gesichtspunkte auch heute immer noch bei Frauen und bei Männern gleichermaßen eine große, eine aus ärztlicher Sicht viel zu große Rolle. Sich genauso selbstverständlich zum Tragen von Hörgeräten zu bekennen wie zum Tragen einer Brille, das ist den meisten Hörgeräteträgern immer noch nicht möglich.

Die Entwicklung zu immer kleineren Geräten, zu Im-Ohr-Geräten, Gehörgangsgeräten und gar CIC-Geräten (Complete in the Canal) kommt dieser kosmetischen Erwartung entgegen. Dabei ist seit Jahren die Bedeutung der räumlichen Enge in den IdO-Geräten für die Leistungsfähigkeit dieser Geräte immer geringer geworden. Konstruktionsbedingt haben beide Konzepte ihre Vor- und Nachteile.

Je stärker nun allerdings die Schwerhörigkeit ausgeprägt ist, desto geringer wird die relative Bedeutung der kosmetischen Gesichtspunkte.

Dem höhergradig Schwerhörigen steht die Hörverbesserung, das möglichst optimale Sprachverstehen im Vordergrund. Dabei erwartet er, dass möglichst wenig oder besser gar kein Eigenrauschen und kein Rückkoppelungspfeifen auftreten. Erwartet wird hier vor allem optimale Leistung. Seine Hörgeräte sollen in allen Situationen die gleiche Verbesserung der Sprachverständlichkeit und ein angenehmes Hören gewährleisten.

Je einfacher dabei die Bedienung der Geräte ist, desto besser werden sie empfunden.

Der Batterieverbrauch schließlich soll dabei möglichst gering sein; auch die Batteriekosten spielen eine erhebliche Rolle in der Zweiklassenversorgung.

Optimale Nutzung der Technik wird erwartet.

Sie setzt eine optimale Anpassung im arbeitsteiligen Zusammenwirken und mit eingehender Beratung von HNO-Arzt und Hörgeräte-Akustiker voraus.

Je höher entwickelt die modernen Hörgeräte sind - die Industrie spricht gern von modernen Hörsystemen - um so aufwendiger sind auch die Anpassvorgänge. Ein modernes System mit 20 Kanälen, jeder jeweils mit eigener frequenzabhängiger Verstärkung und Begrenzung, und zusätzlicher Mehrfachmikrofon-Technik, das kann nur noch mit Hilfe spezieller EDV-Software überhaupt eingestellt werden.

Grundsätzlich hat zu gelten: Jede Schwerhörigkeit, auch jedes altersschwerhörige Gehör, ist in Nuancen anders.

Angepasst werden muss möglichst frequenzspezifisch unter Vermeidung von Obersteuerung immer an den individuellen Hörschaden.

Sicher gibt es wenige Fälle einfacher linearer Schwerhörigkeit, bei der man eigentlich nur einen banalen Linearverstärker einzugliedern braucht. Mit dem selben Gerät wird auch der Hörbehinderte mit einer komplizierteren Form seines Hörverlustes "besser" hören, zumindest deutlich lauter - ob er damit auch die Sprache seiner Mitmenschen besser verstehen kann, das ist allerdings eine andere Frage, eine Frage mit sicher negativer Antwort.

Perfekte Anpassung verlangt, besonders bei den schwierigeren, den höhergradigen Innenohrhörverlusten mit Recruitrnent, dass nicht nur der Hörgeräte-Akustiker die moderne Entwicklung der Hörgerätetechnik und der Anpassverfahren beherrscht, sondern dass auch der Ohrenarzt fachgerecht beraten kann und sich auf diesem Gebiet ständig fortbildet, die Bedeutung der Unbehaglichkeitsschwelle erfasst hat und zumindest weiß, was GC und PC, AGC, Tonblenden und Passfilter, Tief-, Mittel- und Hochtonkanal, Störschallunterdrückung, was digitale Programmierung, automatische Regelung, was Mehrprogrammtechnik, Fernbedienung, was neuerdings digitale Signalverarbeitung und Mehrfachmikrofon-Technik usw. in Hörgeräten bedeuten, welche Vorteile eine automatische Rückkoppelungsunterdrückung mit der verbesserten Möglichkeit zur offenen Anpassung hat - wann diese Besonderheiten notwendig sind und wann überflüssig, wo hier die Vorteile und wo die Probleme liegen. Und er sollte auf jeden Fall für die Erfolgskontrolle die Hörfeldskalierung beherrschen.

Und er sollte dabei auch wissen und bei Bedarf deutlich machen, dass nicht in jedem Falle relativ einfacher Schwerhörigkeit alle diese teuren technologischen Errungenschaften benötigt werden - dazu verpflichten ihn der § 12SGBV und beim zuzahlungspflichtigen Hörgerät seine Fürsorgepflicht gegenüber dem Patienten nach der Berufsordnung.

Andererseits muss er auch die Prinzipien der modernsten technischen Verbesserungen kennen, um seinen Patienten ausreichend beraten zu können. So zeigen sich die Vorteile der aktuellen Mehrmikrofontechnik bei der Abschirmung von Störschall von den Seiten und von hinten als deutlich besseres Sprachverstehen gerade unter erschwerten Bedingungen; das Zusatzmikrofon ist dabei wahlweise zuschaltbar, entweder - einfach und vergleichsweise billig - durch einen kleinen Schalter am Hörgerät, oder - aufwendiger und teurer, aber elegant - durch eine scheckkartengroße Fernbedienung, neuerdings weiter perfektioniert als Schaltknöpfe an einer Armbanduhr, oder aber schließlich vollautomatisch.

Die letztlich vom Hörgeräte-Akustiker im Benehmen mit dem Hörgeräteträger ausgewählten Hörgeräte sollten immer das Ergebnis einer "vergleichenden Anpassung" sein, d. h. ausgewählt unter dem Gesichtspunkt des "angenehmsten Hörens" und Handlings aus einer Gruppe von Geräten gleicher Leistungsklasse.

Bei der sogenannten "gleitenden Anpassung", bei der nach eingetretener Gewöhnung Frequenzbereich und Verstärkung in kleinen Schritten bis zur optimalen Nutzung erhöht werden, zeigt sich besonders deutlich eine gute Zusammenarbeit von Ohrenarzt und Hörgeräte-Akustiker.

Auch regelmäßige Nachsorge sowohl beim Ohrenarzt zur Kontrolle des Gehörs und zur Pflege der Ohren als auch beim Akustiker zur technischen Überwachung und Wartung der Hörgeräte gehört notwendig zur optimalen Ausnutzung der Hörhilfen.

Wichtige Grundfrage: ein- oder beidohrige Versorgung? Und diese jetzt oder später?

Die sofortige beidohrige Hörgeräte-Versorgung als die einzig sinnvolle Versorgung beidohriger Schwerhörigkeit -soweit immer sie technisch und pathophysiologisch möglich ist - hat sich mit erheblicher Verspätung nun auch in Deutschland zunehmend durchgesetzt als Regelversorgung, dabei insgesamt erstaunlich uneinheitlich: So gibt die Bundesinnung der Hörgeräte-Akustiker als Bundesdurchschnitt immer noch kümmerliche 35 % an, regional aber hat sich durchaus ein Satz von 60 bis 65 % durchgesetzt. Es ist bedauerlich, dass es immer noch HNOÄrzte und immer noch Ärzte beim MdK gibt, die aus falsch verstandener Sparsamkeit eine Versorgung nur eines Ohres für ausreichend und zweckmäßig ansehen, die nicht verstehen wollen oder können, dass sie ihrem Patienten damit gerade den wichtigsten Gewinn der Hörgeräte-Versorgung vorenthalten - das ist das verbesserte Sprach- verstehen im allgegenwärtigen Umgebungsgeräusch. Bei einer Wiederversorgung ist immer wieder festzustellen, dass das eine einzelne Hörgerät bisher ungern und ohne Überzeugung als lästige, wenn auch notwendige Hilfe getragen worden ist, dass aber die neue beidohrige Versorgung nun plötzlich zur vollen Akzeptanz führt.

Gibt es eine Verbesserung der Akzeptanz durch Komfort?

Die Hauptmenge der Versorgungsfälle in der durchschnittlichen HNO-Praxis betrifft in der Regel nicht die problematischen Formen, nicht die hochgradigen und auch nicht die mittelgradigen Schwerhörigkeiten, sondern gerade als Altersschwerhörigkeit die gering- bis mittelgradige Schwerhörigkeit - und hier herrschen in der Praxis etwas andere Gesetze, hier stehen Bedienungs-Komfort, Bequemlichkeit, angenehmes Hören und Kosmetik viel mehr im Vordergrund der Bedürfnisse und der Erwartungen des Patienten.

Die Miniaturisierung der Hörgeräte ist in den letzten Jahren am sichtbarsten vorangekommen. Es ist für den Ohrenarzt eine erhebliche Erleichterung seiner Überzeugungsarbeit, dass er dem Schwerhörigen heute sagen kann, dass die großen Hinter-dem-Ohr-Geräte nur noch in Ausnahmefällen notwendig sind, vor allem bei sehr hohem Leistungsbedarf wegen hochgradiger oder besonders problematischer Schwerhörigkeit. Erfahrungsgemäß sind heute nahezu alle Schwerhörigen mit kleinen HdO-Geräten voll befriedigend zu versorgen, wenn man einmal Kostengesichtspunkte unberücksichtigt lässt.

Die Akzeptanz der Im-Ohr-Hörgeräte, erstaunlicherweise auch die der kosmetisch nicht unbedingt günstigeren Concha-Geräte, hat dabei erheblich zugenommen, vornehmlich weil ihr Tragekomfort den der HdO-Geräte doch deutlich übersteigt.

Als erwünschter Nebeneffekt wird von erfahrenen Hörgeräteträgern dabei auch bemerkt, dass die Lage der Concha- oder Gehörgangsgeräte akustisch günstiger ist, dass das Richtungshören und damit das Sprachverstehen im Umgebungsgeräusch besser gewährleistet ist als mit HdO-Geräten.

Der höchste Anspruch betriffi die "immer" situationsgerechte Leistung der Hörgeräte

Das schwierigste, das Hauptproblem jeder Hörgeräteversorgung bilden immer noch die so sehr unterschiedlichen Bedingungen, unter denen die Hörgeräte arbeiten und eine möglichst optimale Sprachverständlichkeit gewährleisten sollen. Das gilt durchaus auch für die technisch "richtigen" Hörgeräte: Nur umstellen muss man sie in den meisten Fällen.

Jeder erfahrene Ohrenarzt kennt vor allem bei seinen älteren Hörgeräteträgern diejenigen, die ganz offen resigniert erklären, ihre Hörgeräte vorwiegend zum Fernsehen zu tragen, sie auf der Straße, beim Einkaufen usw. und in größerer Gesellschaft aber nicht benutzen zu können, dies völlig unabhängig von kosmetischen Gesichtspunkten. Fehlende oder ungenügend wirksame AGC, fehlende Störschallunterdrückung bei zu spärlich ausgestatteten Hörgeräten, vor allem aber einfach das immer wieder notwendige mühsame und insbesondere alten Menschen oft kaum mögliche Umstellen des Potentiometers zur Lautstärkeregulierung und gegebenenfalls anderer Hebelchen und Schalter, sie sind die Hauptgründe für diese alltäglichen Schwierigkeiten.

Hier haben die letzten Jahre einen entscheidenden Fortschritt gebracht mit den automatisch regelnden Verstärkern, zahlenmäßig vornehmlich dem K-Amp und neuerdings EQ-Verstärkern. Mehrprogrammgeräte sind vielen zu aufwendig, der richtige Umgang mit den verschiedenen Programmen stellt allzu oft eine Überforderung vor allem für alte Menschen dar. Die Automatik aber kommt den Bedürfnissen des Hörgeräteträgers am weitesten entgegen, denn der will nach Möglichkeit das Hörgerät nur in das Ohr stecken, einschalten und dann gut hören.

Die Konsequenz aus solch unterschiedlichen Richtungen der Bedürfnisse des Hörgeräteträgers einerseits und andererseits der technischen Entwicklungsmöglichkeiten kann eigentlich nur eine gegenläufige weitere Entwicklung der Hörgeräte sein:

Sie sollen auf der einen Seite für den Benutzer so einfach wie möglich zu handhaben sein, am besten keinerlei Bedienung außer allenfalls der Batterieladung und dem Ein-/Ausschalten erfordern. Die Hörgeräte sollen auf der anderen Seite automatisch allen Situationen auch unter schwierigsten Bedingungen gerecht werden.
Das verlangt einen zunehmend aufwendigen technischen Apparat mit automatischen, intelligenten Regelungen und entsprechend differenzierte individuelle Anpassung. Kurz - je einfacher den Bedürfnissen des Hörgeräteträgers folgend das Gerät äußerlich wird, um so komplizierter wird es in seinem Inneren sein müssen.

Der Voll-Automatik gehört dabei die Zukunft

Und dies auch beim Hörgerät nicht nur des alters-schwerhörigen, sondern auch des jüngeren Hörgeschädigten.

Wer heute in seinem PKW ein Automatikgetriebe, ABS, ESP und eine automatische Niveauregelung hat, der kann nicht verstehen, dass so ein lächerliches kleines Ding im Ohr nicht auch automatisch funktionieren können soll. Und dabei übersieht er noch, dass sein hochgezüchteter automatisierter Autobahnrenner nicht zugleich auch als Gelände- und Jagdwagen, als Schwimmwagen und als Ackerschlepper funktionieren kann.

Eine solche Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten aber wird vom Hörgerät zwangsläufig erwartet, denn das Bedürfnis des Hörgeräteträgers orientiert sich an der vollautomatischen Leistungsfähigkeit des normalen, des gesunden Ohres, eben jenes Gehörs, das er früher einmal besessen hat. Und dieses normale Gehör hat nun einmal die ungeheure Funktionsbreite, die wir auch heute noch nicht ganz zu verstehen gelernt haben, und die mit Hörgeräten ganz zu erreichen auch bei aller technischen Perfektionierung voraussichtlich immer ein Traum bleiben wird.

Es ist zudem schon deutsche politische Tradition, dass die Bedeutung eines guten Gehörs für die zwischenmenschliche Kommunikation, und damit für die Lebensqualität in jedem und besonders in höherem Lebensalter unverstanden bleibt und missachtet wird, und das, obwohl immerhin etwa jeder fünfte Bürger und Wähler betroffen ist, ganz gleich, ob er zur wesentlichen Eigenleistung in der Lage ist oder nicht.

Hat das gewiss nicht arme Deutschland es nötig, seine Hörbehinderten nach dem Grundsatz zu behandeln: "Weil Du arm bist, brauchst Du nicht gut zu hören"??

Prof. Dr. Klaus Seifert

Quellen:
Dürr 1: Aus den aktuellen FGH-Marktstudien: Statt Hörgeräten Lebensfreude verkaufen, Hörakustik 5 /2000,92. - Von Hörgeräte-Terroristen und Handhabungs-Pessimisten, Hörakustik 6/2000, 30

Seifert K: Hörgeräteversorgung in der Praxis. Vortrag III. Dithmarscher HNO-Tagung, Brunsbüttel 15./16.07.2000

Sohn W: Aktueller Stand der Schwerhörigkeit in Deutschland. - Ergebnisse einer repräsentativen Hörscreening-Studie (erstellt durch die Universität Witten-Herdecke im Auftrage der Siemens SAT), Vortrag/Pressegespräch:
Zusfassg.: Hörakustik 3/2000, 6

Weitere Literatur
Seifert K: Die Versorgung der Schwerhörigen mit modernen Hörgeräten. Deutsches Ärzteblatt 91(1994)
Heft 9 A: 5. 576

Seifert K: Derzeitiger Stand der Hörgeräteversorgung und der Betreuung von Hörgeräteträgern. Hauptvortrag III, 67. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, 18-22. Mai 1996 in Aachen. - HNOInform. 21(1996) 96


Zur Person: Prof. Dr. med. Klaus Seifert,
geboren 1929, legte sein Medizinisches Staatsexamen 1954 ab und promovierte 1955. 1962 bis 1965 folgte die Weiterbildung zum Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der HNO-Klinik der Universität Kiel, die Habilitation 1968, seit 1975 ist unser Autor Apl. Professor der Universität Kiel. Von 1970 bis 1997 war er als niedergelassener HNO-Arzt mit Belegabteilung in Neumünster tätig.
Seit 1988 ist er Ehrenmitglied der Ungarischen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde. 1991 wurde ihm der Friedrich-Hofmann-Preis der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie verliehen. Von 1980 bis September 2000 war Prof. Dr. Seifert Landesvorsitzender Schleswig-Holstein und Vorstandsmitglied des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte, seit 1988 dessen 1. Vorsitzender und verantwortlicher Herausgeber der Zeitschrift "HNO -Mitteilungen". 1999 wurde er Ehrenmitglied des Verbandes.
Seit 1988 bis 2000 war er Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie und ist seit dem Jahr 2000 Ehrenmitglied auch dieser Gesellschaft.



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