Der folgende Artikel erschien im Medizin-Teil der Stuttgarter Zeitung am Dienstag, 13. März 2001 und stammt aus der Feder von Frau Claudia von See.

Der fünfte Sinn und die Sinnlichkeit
Schöne und schmerzliche Erfahrungen mit einem Hörgerät

Hören ist mehr als nur Nachrichtenaufnahme. Wer schlecht hört, ist ausgeschlossen von der Welt der Gefühle und feinen Zwischentöne. Ein Hörgerät kann helfen. Doch der Weg zur perfekten Versorgung ist lang und schwierig. Claudia von See hat die Stationen aufgezeichnet.

9.Januar
"So, jetzt sind Sie programmiert", sagt der Hörgeräteakustiker. Er ist zufrieden, seine Kundin durcheinander. Zum ersten Mal in ihrem Leben trägt Carola H. (Name geändert) Hörgeräte, von außen nur zwei fleischfarbene Kästen, innen jedoch Hightech, voll digital, über den PC zu programmieren. Eine Anprobe vorläufig, nur, denn der Akustiker hat ihr angeboten, das Gerät ein paar Tage in Ruhe zu testen. Auf dem Weg nach Hause schwappt eine akustische Welle über ihr zusammen. Dröhnende Autos, quietschende Straßenbahnen, ein Radfahrer klingelt nervös eine Oma vom Radweg, schrecklich. Doch dann, auf einem kümmerlichen Straßenbaum, dieses leise Gezwitscher. Eine staubige Stadtamsel singt ihr Lied. Eigentlich ganz normal. Aber wunderschön für jemanden, der bis dahin Vögel nur gehört hat, wenn sie ihm fast auf der Schulter saßen.

10. Januar
Die erste Krise. Die rosa Kisten hinter ihren Ohren sind ihr peinlich. "Ich wollte nie Hörgeräte, ich komme auch ohne aus", sagt sie. "Schließlich muss mich niemand anschreien, um sich mit mir verständigen zu können." Doch um laut und leise geht es nicht. Schwerhörige hören nicht zu leise. Sie hören anders. Jeder Hörschaden ist so individuell wie ein Fingerabdruck", sagt ihr Hörgeräteakustiker Peter Schaaf. Bei der 35-jährigen Sekretärin sind es die hohen Töne, die irgendwo auf dem Weg von der Ohrmuschel ins Gehirn verloren gehen. Kurzer Sauerstoffmangel bei der Geburt, vermutet ihr Ohrenarzt. "Türklingeln habe ich nicht gehört, manche Telefone oder Leute, die nuscheln oder sehr leise sprechen." Doch man arrangiert sich mit der gedämpften, verzerrten Welt. Und schweigt. Vielen Hörgeschädigten ist es peinlich, über ihr Defizit zu sprechen. "Handys sind schrecklich. Die Tonhöhe ist nichts für mich. Es klingelt in der Handtasche, alle starren mich an und wundern sich, warum ich nicht abnehme", sagt Carola. "Bin gerade erkältet" oder "war in Gedanken", lauteten jahrelang ihre Ausreden, wenn sie nicht gehört hat, was sie eigentlich hätte hören sollen.

12. Januar
Carola dreht sich vor dem Badezimmerspiegel, verrenkt sich, sodass sie ihre Ohren von allen Seiten anschauen kann. Sie sieht ein durchsichtiges Ohrpassstück, dann einen Schallschlauch am Rande des Ohres, der hinter der Muschel in das Hörgerät mündet. "Ich will keine Prothese tragen", schimpft sie. Die vielen ungewohnten Klänge machen sie nervös. Das Ticken der Wanduhr, das Lachen der Nachbarskinder, das zufriedene Schmatzen einer Freundin beim Essen -Geräusche, die neu und laut sind und sie deshalb stören. Sie ist nicht die Einzige, die bockt. Von den etwa 13 Millionen Schwerhörigen im Land besitzen nur drei Millionen ein Hörgerät. "Schwerhörigkeit beginnt schleichend, deshalb wird sie am Anfang oft nicht erkannt", sagt Harald Seidler, HNO-Arzt im saarländischen Neunkirchen und Vorsitzender des Deutschen Schwerhörigenbundes. Eine Zeitlang wird verdrängt - die anderen sollen eben lauter reden, Theaterbesuche werden gestrichen, Kneipe genauso. "Die Folge ist ein sozialer Rückzug", sagt Seidler. Und selbst die Betroffenen, die ein Hörgerät haben, tragen es oft nicht. Die Zahl der "Schubladengeräte", wie das die Experten nennen, wird auf bis zu 50 Prozent geschätzt.

15. Januar
Der zweite Termin beim Akustiker. Carola erklärt, die Amsel sei ja ganz schön gewesen. "Sonst ist mir aber alles zu laut. Ich will mich ja nur vernünftig unterhalten können." Akustiker Schaaf kennt das Problem: " Die Leute beschweren sich, weil sie zu viele Geräusche hören. Sie sagen, dass sie nur die Sprache besser verstehen wollen. Das ist so, als ob jemand vom Optiker eine Brille verlangt, die nur schöne Bilder zeigt, aber den Staub auf den Möbeln nicht." Die Erkenntnis, dass gutes Hören so wichtig ist wie gutes Sehen, hat sich noch nicht durchgesetzt. Carola ist ein klassischer Fall: rund fünf Jahre dauert es durchschnittlich,
bis ein Schwerhöriger sich entschließt, ein Hörgerät anzuschaffen. Ein schlimmer Fehler aus Sicht der Experten. "Hören ist ein Lernprozess. Wer lange unterversorgt ist, ist nicht mehr in der Lage, akustische Informationen richtig zu verarbeiten", sagt Harald Seidler vom Schwerhörigenbund. Wenn dann endlich ein Hörgerät getragen wird, ist die Enttäuschung groß, weil das Hören erst wieder gelernt werden muss.

22. Januar
Zum ersten Mal ist sie mit den Hörgeräten bei der Arbeit, aufgeregt, die Haare sorgfältig über die Ohren gekämmt. Noch soll keiner sehen, dass Kollegin Carola nicht nur vor einem Computer sitzt, sondern auch, noch zwei kleine am Kopf trägt. "Ich sollte dazu stehen. Aber im Moment traue ich mich noch nicht", sagt sie. Wovor sie Angst hat? "Dauernd etwas erklären zu müssen." Doch der Tag läuft gut. "Endlich höre ich auch leises Telefonklingeln, merke gleich, wenn ich angesprochen werde", sagt sie. Wer nicht gleich alles mitkriegt, wird eben für etwas langsam im Kopf gehalten. Das ist im Job mehr als ärgerlich - aber auch im Privaten. "Das Hören löst eine Vielzahl von Empfindungen aus", sagt Peter Schaaf. "Zärtliche Worte werden leise gesprochen. Eine gebrüllte Liebeserklärung bringt nichts."

30. Januar
Der nächste Termin. Das Verstehen bereitet ihr immer noch die größten Probleme. Der Akustiker schlägt ein Gerät mit Sprachprozessor vor. "Dieses Hörgerät analysiert alle akustischen Signale. Impulsartige Geräusche werden voll verstärkt, weil sie als Sprache erkannt werden. Konstanter Lärm wird bis an die unterste Grenze reduziert", erklärt er. Auf dem Weg nach Hause dann der Rückschlag. Eine entfernte Bekannte sitzt im gleichen Bus. Sie schaut neugierig, entdeckt die Hörgeräte sofort: "Was hast du denn da Komisches am Ohr?" Eine Frage wie ein Kinnhaken für jemanden, der sich gerade damit abfinden muss, für den Rest seines Lebens abhängig von zwei Stöpseln im Kopf zu sein. Es gibt Tränen. Und abends in der Kneipe wird es auch nicht besser. Der Sprachprozessor bewirkt, dass das Stimmengewirr leiser wird. Soll er ja auch. Aber Carola stört das. "Hören unter der Glasglocke", sagt sie.

2. Februar
Der Sprachprozessor ist aus dem Rennen. "Junge Leute kommen oft mit einer linearen Übertragung besser klar, weil das natürlicher klingt", sagt Akustiker Peter Schaaf. Außerdem erteilt er eine sanfte Rüge: "Die Kneipe ist eine der schwierigsten Hörsituationen überhaupt. Erst mal zu Hause üben, wo es ruhig ist." Er hat noch eine Idee: "Da gibt es noch dieses ganz neue Modell. Es hat zwei unterschiedliche Programme und außerdem noch einen Lautstärkeregler. Sie können selbst einstellen, wie Sie gerade hören wollen." Billig ist so etwas nicht. Als Carola den Laden verlässt, trägt sie Technik im Wert ihres Monatsgehalts mit sich herum.

9. Februar
Der Tag der Entscheidung. Alle Vor- und Nachteile der verschiedenen technischen Lösungen werden besprochen. Carola wählt ein voll digitales, leistungsstarkes Hörgerät -aber ohne Sprachprozessor. Optisch gibt es viele Möglichkeiten - einige sind für stilbewusste Menschen zwar eher fragwürdig wie die Ohrpassstücke in Form von Erdbeeren oder Kussmündern, andere akzeptabel. Carola entscheidet sich für eine dunkle Außenschale, die zu ihrer Haarfarbe passt. Sie ist erleichtert. Doch ein gutes Stück Arbeit liegt noch vor ihr. "Es ist ein Irrtum zu glauben, dass nach der Anpassung alle Probleme gelöst sind", sagt Harald Seidler. Hörgeschädigte müssen mit ihrer Beeinträchtigung leben lernen. Wer akzeptiert, einige Dinge nicht so gut zu können wie andere Menschen, macht es sich leichter - und entdeckt vielleicht sogar Vorteile. Als Carola nach Hause fährt, zankt sich ein Pärchen auf den Sitzen hinter ihr: Klack, Sie schaltet ihre Hörgeräte ab. "Wenn mir was nicht gefällt, mache ich meine Ohren zu." Das kann sonst keiner.

Hilfe beim Hören
Hörgeräte sind Schallverstärker. Der Schall trifft auf ein Mikrofon, wird im nachfolgenden Verstärker verarbeitet und an das Ohr über einen Minilautsprecher weitergegeben. Moderne Hörgeräte übermitteln die Signale digital, weil sie zusätzlich mit einem Mikrochip ausgestattet sind. Für manche Hörgeschädigte ist dies ein Vorteil, weil der Akustiker das Hörgerät am Bildschirm seines Computer so programmieren kann, dass es den Hörverlust optimal ausgleicht. Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Typen von Hörgeräten: Bei den so genannten Hinter-dem-Ohr-Systemen liegt die gesamte Technik hinter dem Außenohr. Ein Schallschlauch leitet die Töne zu einem Ohrpassstück aus Plastik. Diese Geräte gelten als besonders robust. Im-Ohr-Geräte sind kleiner und empfindlicher. Wenn der Gehörgang groß genug ist, können sie fast unsichtbar getragen werden. Der Nachteil: Sie können nicht jeden Hörschaden ausgleichen. Hörgeräte werden grundsätzlich vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt verschrieben. Die Krankenkassen zahlen pro Gerät etwa 900 Mark zu. Leistungsstarke Hörgeräte können jedoch bis zu 6000 Mark pro Stück kosten. Durchschnittlich 1500 Mark zahlen Betroffene daher pro Gerät aus eigener Tasche, wie eine Untersuchung des Schwerhörigenbundes ergab.

Mehr Informationen beim Deutschen Schwerhörigenbund unter Telefon 030-47 54 11 14 oder im Internet unter www.schwerhoerigkeit.de

Schaaf & Maier Hörgeräte GmbH
M7, 15, 68161 Mannheim
Telefon + 49 (0) 621 15 36 33
Fax + 49 (0) 621 15 36 31
http://www.schaaf-maier.de

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