Brief einer Kundin an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen
Von Angelika Bauder

Sehr geehrter Herr Dr. M,

zuerst möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Stellungnahme zu meinem Fall bedanken. Sie beurteilen in Ihrem Gutachten die Sachlage, wie dies durchaus auch üblich ist, Zahlen Fakten und Dinge werden verglichen, die eigentliche Person, um die es sich hierbei handelt, die Hilfe benötigt, wird außen vorgelassen.

Ich setze einmal voraus, da Sie dies in Ihrem Gutachten nicht erwähnen, dass Sie ein Guthörender sind. Dies ist deshalb so wichtig, da ich mit einem schwerhörigen, fast tauben Vater aufgewachsen bin. Da ich erst in der Schwangerschaft schwerhörig wurde, konnte ich mich nie in die Lage meines Vaters versetzen. Ich hielt mir oft die Ohren zu, nur um zu testen, wie es ist, schwerhörig zu sein. Aber Schwerhörigkeit bedeutet etwas anderes, Tag für Tag sich in einem Leben durchzuschlagen, wobei man nur einen Bruchteil von dem versteht, was andere mit Leichtigkeit verstehen.

Meine Schwerhörigkeit bemerkte ich zum Ersten Mal vor fast 10 Jahren, als ich aufgrund von Schwangerschaftsproblemen ins Krankenhaus musste. Plötzlich verstand ich meine Mitmenschen nicht mehr, alle sprachen so leise und undeutlich. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde, dachte ich mir, gehe zum HNO, der bläst deine Ohren durch und alles ist wieder in Ordnung. Da kam für mich der 1.Schock: Keine Heilung möglich, Ohren kaputt, helfen nur noch Hörgeräte. Mir wurde ein analoges Hörgerät (ohne Zuzahlung) angepasst. Alles war tierisch laut, sodass das, was ich verstehen wollte vor lauter Außengeräusche, gar nicht mehr möglich war. Diese Hörgeräte habe ich wieder zurückgegeben.

Fünf Jahre habe ich dann versucht mein Leben auch ohne Hörgeräte zu meistern. Erst als mir dann ein gravierender Fehler bei der Dosierung eines Medikamentes passierte, das für meinen damals 5 jährigen Sohn gedacht war, nahm ich einen neuen Anlauf. Nur dadurch, dass ich den Arzt falsch verstanden hatte, brachte ich meinen Sohn in Lebensgefahr. Dies war der Zeitpunkt als ich einsehen musste, dass ich ohne Hörgeräteversorgung nicht mehr zu Recht kommen würde.

Ich dachte Hörgeräte anpassen, wäre wie zum Optiker gehen und sich eine Brille zu holen. Dem ist weit gefehlt. Ich bin zum Akustiker Fa. Gxxxx, da diese zu Fuß von mir aus zu erreichen waren. Nachdem ich einige Modelle getestet hatte, entschied ich mich für eines nach ca. 6 Wochen. Mit den damaligen Geräten ohne Zuzahlung konnte ich kaum mehr hören als ohne Gerät. Zufrieden war ich allerdings nicht ganz mit dem Gerät. Mir wurde versichert, ich würde mich daran gewöhnen müssen. Über zwei Jahre habe ich sämtliche Einstellungen, die mit dem Gerät möglich waren getestet. Bei meiner Nase wurden zwischenzeitlich die Scheidewände wieder angehoben, da ich nur noch dumpf hörte. Der Klang wurde besser, blieb aber nach wie vor leise. Des Weiteren wurde mir empfohlen mit Hörbüchern zu üben. Ich habe alles mitgemacht, nur um wieder den Stand zu erreichen, den ich einmal hatte. Die Hörgeräte wurden immer lauter gedreht, aber ich verstand eher weniger als besser. Danach sollte dieses Hörgerät plötzlich nicht mehr ausreichend für mich sein, ich sollte ein Neues bekommen. Auch dieses half mir nicht wesentlich weiter. Zum Schluss wurde ich zum Psychiater geschickt, da mein Problem offensichtlich seitens Akustiker nicht zu beheben sei. Der meinte ich bilde mir meine Hörschwäche nur ein. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht mehr weiter, ohne Hörgeräte ging es nicht, mit Hörgeräten auch nicht. Ich beschloss mich vom Leben zurückzuziehen, machte Dinge, für die man sein Gehör nicht brauchte. Das funktioniert aber nicht mit Zwillingen im Alter von 7 Jahren. Ein Beispiel: Ich dachte mein Mann könnte auf die Elternabende (die beiden sind in verschiedenen Klassen) gehen. Jedoch waren beide Elternabende zum gleichen Termin. Wären meine Kinder und mein Mann nicht gewesen, ich glaube ich hätte die Situation nicht mehr lange ausgehalten.

In meiner Not sprach ich mit einem anderen Schwerhörigen, was ich nun noch machen könnte. Dieser schickte mich zu Herrn Schaaf. Herr Schaaf stellte mein Hörgerät von Gxxxx, das wie für Taube eingestellt war, erst einmal auf meine Hörkurve ein. Das zweite Paar, das ich von Gxxxx bekommen hatte gab ich zurück. Ich hörte zwar jetzt besser, die Rückkopplungen waren aber enorm. Beim Arztbesuch pfiff das Hörgerät so stark, dass die Arzthelferin mich bat, es doch bitte auszuziehen, da es nervt. Ich konnte einfach nicht glauben, dass es in unserem Zeitalter mit Flachbildschirmen Videokameras, Computern etc. kein besseres Hörgerät geben sollte als meines. Ich bat Herrn Schaaf mir doch mal eines seiner Geräte ausprobieren zu lassen. Dieser war nicht sehr optimistisch. Nachdem ich mehrere andere Modelle ausprobiert hatte, gab mir Herr Schaaf das Widex-Hörgerät. Ich dachte jemand hat einen Einschalter betätigt, alles war plötzlich so klar und deutlich. Ich konnte wieder hören! Ohne groß irgendetwas an der Einstellung herumzustellen. Erst als ich die Geräte auszog, wurde mir klar, wie wenig ich eigentlich noch höre, da ich nun den Unterschied erkennen konnte. Oft habe ich meine Mitmenschen gefragt: "Hört ihr das, ist das sehr leise, laut etc.? " Mit den Widex-Hörgeräten habe ich ein Sprachverständnis von 95% mit den alten 40%.

Was bringt mir ein Hörgerät, das eine T-Spule oder anderen Anschluss besitzt, mit dem ich aber wieder an sich schlechter höre? Im Alltag kann man die T-Spule sehr wenig nutzen, es gibt kaum öffentliche Gebäude (Ämter, Kliniken, Theater, Kinos) die über den Service verfügen, diese Hilfsmittel zu benutzen. Telefonieren kann ich ohne Hörgeräte, da das Telefon genügend verstärkt ist. Zu den Hörschwankungen möchte ich noch sagen, sind diese mit dem Widex-Hörgerät selbstverständlich nicht behoben, jedoch sind diese nicht mehr so extrem wahr zu nehmen. Um dieses Problem noch zu verbessern hat mir Herr Schaaf eine Fernbedienung für ca. 300 € angeboten. Diese habe ich probiert und komme seitdem noch besser in meinem Umfeld zu Recht.

Endlich habe ich wieder Hoffnung mein Leben zu meistern. Das Problem ist nur: ich habe kein Geld mehr. Ich habe ja schon 5000€ für meine ersten Geräte ausgegeben. Bis heute hab ich Herrn Schaaf die Hörgeräte und seine unzähligen Stunden, die er damit verbracht hat mir meine Situation zu erklären nicht bezahlt. Heute kann ich mich wieder an Gesprächen beteiligen, mein Selbstwertgefühl ist wieder da, und was das wichtigste ist: ich kann mit meiner Familie und Freunden endlich wieder nach so langer Zeit
LACHEN!!!

Von Angelika Bauder


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